Nachwuchsarbeit neu denken – Kann ein 14-Jähriger heute Modellflieger werden?
Stell dir vor, heute kommt ein 14-Jähriger auf unseren Modellflugplatz. Er schaut sich die Modelle an. Riesige Segler, Kunstflugmaschinen, Jets, vielleicht ein paar kleine Schaummodelle. Er sieht Menschen, die seit 30, 40 oder sogar 50 Jahren Modellflug betreiben. Und dann stellt er eine ganz einfache Frage: „Kann ich das auch?“
Natürlich kann er. Aber wollen wir einmal ehrlich sein? Die viel interessantere Frage ist: Würden wir ihn heute tatsächlich für unser Hobby begeistern? Denn die Konkurrenz ist groß. Ein Jugendlicher kann mit wenigen Klicks mit Freunden auf der ganzen Welt spielen. Er kann Videos produzieren, Musik machen, programmieren, Drohnen fliegen oder mit dem Smartphone Dinge tun, für die wir früher ein ganzes Elektroniklabor gebraucht hätten. Und dann kommen wir und sagen: „Komm sonntags um zehn zum Flugplatz. Wir zeigen dir erst einmal, wie man ein Modell richtig zusammenbaut.“ Das ist nicht schlecht. Aber vielleicht reicht es nicht mehr.
Faszination zeigen, nicht nur voraussetzen
Dabei hat Modellflug eigentlich alles, was junge Menschen begeistern könnte: Technik, Geschwindigkeit, Wettbewerb, Kreativität, Handwerk, Elektronik und vor allem eines – ein echtes Erlebnis. Man baut etwas. Man programmiert etwas. Man wirft es in die Luft. Und dann fliegt es tatsächlich. Das ist großartig. Nur müssen wir diese Faszination auch zeigen. Manchmal haben wir nämlich eine ziemlich merkwürdige Vorstellung davon, wie Nachwuchsarbeit funktioniert. Wir erwarten, dass junge Menschen zu uns kommen und sich dann für genau das begeistern, was uns selbst vor 30 Jahren begeistert hat. Aber die Welt hat sich verändert.
Vielleicht möchte der Jugendliche gar nicht als Erstes einen Bauplan studieren. Vielleicht möchte er FPV fliegen. Vielleicht interessiert er sich für 3D-Druck. Vielleicht möchte er ein Modell selbst konstruieren. Vielleicht will er wissen, wie schnell es fliegt. Oder er findet es einfach faszinierend, eine Kamera an ein Modell zu hängen und damit über den Platz zu fliegen. Dann sollten wir nicht sagen: „Das ist doch kein richtiger Modellflug.“ Wir sollten sagen: „Cool. Lass uns das probieren!“ Denn Nachwuchsarbeit bedeutet nicht, junge Menschen zu kleinen Ausgaben von uns selbst zu machen.
Schnelle Erfolgserlebnisse statt langer Lehrpfade
Nachwuchsarbeit bedeutet, ihnen einen Einstieg in unsere Welt zu ermöglichen. Und vielleicht müssen wir dabei auch unsere Vereine ein Stück weit verändern. Ein Jugendlicher braucht nicht unbedingt jeden Sonntag einen dreistündigen Pflichttermin, in dem er unseren modellfliegerischen Werdegang vom Wurfgleiter über den kleinen UHU bis zum ersten Segelflugmodell nachgeht. Er braucht schnelle Erfolgserlebnisse in einer schnelllebigen Welt. Er muss möglichst schnell etwas selbst machen dürfen. Und er braucht Menschen, die ihm etwas zutrauen.
Das kann übrigens auch bedeuten, dass der Nachwuchs uns manchmal etwas beibringt. Denn der 14-Jährige, der heute mit Drohnen, Apps, CAD-Programmen und 3D-Druck aufwächst, bringt Fähigkeiten mit, die wir vielleicht gar nicht haben. Warum sollte ein Verein das nicht nutzen?
Zusammen ist so viel möglich
Vielleicht bauen wir gemeinsam ein Modell. Vielleicht konstruieren wir ein Teil selbst und drucken es aus. Vielleicht programmieren wir eine Steuerung. Vielleicht veranstalten wir einen kleinen Wettbewerb, bei dem es nicht darum geht, wer das schönste Modell besitzt, sondern wer die kreativste Idee hat. Dabei darf die Antwort nicht sein: „Das kann ich nicht.“ Das technische Know-how für neue Medien und Werkzeuge bringt der Jugendliche mit bzw. kann es sich schnell aneignen. Zusammen mit unserer Expertise in Sachen Aerodynamik, Statik und eben allem, was wir in unserem Modellfliegerleben gelernt haben, wird daraus etwas ganz Neues – und das funktioniert dann auch noch. Und irgendwann steht dieser Jugendliche dann vielleicht tatsächlich mit einem Modell auf unserem Flugplatz. Dann haben wir etwas richtig gemacht. Nicht, weil er unser Hobby so betreibt wie wir. Sondern weil es sein Hobby geworden ist.
Was wir wirklich anbieten können
Die entscheidende Frage für die Zukunft des Modellflugs lautet deshalb vielleicht gar nicht: „Wie bekommen wir mehr Jugendliche in den Verein?“ Sondern: „Was können wir ihnen bieten, das sie nirgendwo sonst bekommen?“ Die Antwort darauf könnte unsere größte Chance sein. Denn ein Modellflugzeug ist am Ende eben das, was jeder für sich daraus macht.


